Humanistisches Engagement

Der Fachbereich Latinistik blickt auf eine über 150-jährige Geschichte zurück - die Geschichte der Lateinischen Philologie reicht hingegen bis in die Zeit der Römischen Republik zurück.

Als wichtigstes Zentrum des Humanismus in der Schweiz ist Basel immer wieder in Erscheinung getreten: Es war u.a. auch dank seiner Philologen, dass Basel in der Frühen Neuzeit zu einem der führenden Druckerstädten Europas avancierte. Zu nennen ist etwa die von Erasmus von Rotterdam besorgte Edition des Neuen Testaments, die in der damaligen Gelehrtenrepublik für Furore sorgte (siehe dazu Dill/Schierl 2017). Davon zeugt etwa auch der reiche historische Bestand der Universitätsbibliothek, die bereits 1471 bezeugt und mit über 3000 Wiegendrucken einen einzigartigen Einblick in die Kultur des Humanismus ermöglicht.

Als mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 die Versorgung des lokalen Büchermarktes mit (ideologiefreien) Editionen eingeschränkt wurde und nach dem Bombardement von Leipzig (Sitz des Teubner-Verlags) 1944 schliesslich ganz versiegte, war es ein Kreis von Basler Philologen (u.a. Olof Gigon und Karl Pernoux), die einerseits die Zeitschrift Museum Helveticum begründeten, welche auch deutschen Wissenschaftlern, die vor dem Regime flohen, eine Plattform bot, und die andererseits die Reihe der Editiones Helveticae (Series Graeca und Series Latina), welche die schweizerischen Schulen mit qualitativ hochstehenden, aber auch preisgünstigen Schuleditionen versorgten und so den altsprachlichen Unterricht an den Gymnasien aufrecht erhielten und einen Beitrag zur Geistigen Landesverteidigung leisteten. 

Das Engagement der Basler Latinistik für die Promotion des (oberrheinischen) Humanismus bleibt auch im 21. Jahrhundert ungemindert bestehen, sei es in der Lehre (auch an der Volkshochschule), in der Ausbildung künftiger engagierter und kompetenter Lehrkräfte, in der Zusammenarbeit mit den Gymnasien (Schülerpraktika, Josef Delz-Preis, Schweizer Jugend forscht), in öffentlichen Ausstellungen mit internationalen Anklang oder auch im direkten Kontakt mit den interessierten Laien.


Porticus Famae | Στοά δόξας


Momentaufnahmen aus dem Seminarleben


Geschichte des Seminars für Klassische Philologie

I. Von den Anfängen des Studiums der Klassischen Philologie in Basel bis zur Gründung des Seminars

Im Jahre 1433 bemerkte Enea Silvio Piccolomini, der nachmalige Papst Pius II. und Stifter der Basler Universität, in einem Brief an den päpstlichen Legaten, Kardinal Giuliano Cesarini, über Basel und seine Bewohner:

Scientias non affectant neque peritiam gentilium litterarum, ut nec Ciceronem nec alium quemvis oratorum nominari audiverint. Neque poetarum exoptantur opera. Grammaticae tantum dant operam dialecticaeque.

Die in Italien neu ausgebrochene Begeisterung für die Werke der antiken Autoren, von der sich auch Enea Silvio hatte anstecken lassen, war damals noch nicht bis Basel gedrungen. Auch an der wenig später im Jahre 1460 gegründeten Universität wurde noch ganz im mittelalterlichen Geiste gelehrt. Die Bestimmung aus den Statuten der Artistenfakultät von 1492

nullus in disputatione bursali lectiones poeticas sumat, ut eo minus scolares ab actibus necessarioribus distrahantur

bestätigt die Beobachtung Piccolominis. Und doch war schon 1464 dem Wunsch der Universität entsprochen worden, es möge ein "poeta" - wie sich Enea Silvio und seine Mitstreiter gerne nannten - angeworben werden, um "in poetrye ze lesen" (Bonjour 95). Diese Dozentur für Poesie, die als erster der Frühhumanist Petrus Antonius aus Final innehatte, wurde auch in der Folge aufrechterhalten. Ziel des Unterrichts war die Fähigkeit, Reden und Aufsätze in elegantem Latein abzufassen. Phrasen und Zitate aus den römischen Klassikern sollten dazu den nötigen Schmuck beisteuern. Dass man die humanistischen Bäume im scholastischen Lehrbetrieb nicht in den Himmel wachsen liess, zeigt (neben der oben zitierten Bestimmung) ein Beschluss der Artistenfakultät aus dem Jahre 1495, wonach die Disputationen in Logik und Grammatik abgehalten werden mussten "et non in poesi" (Bonjour 96).

Höhepunkt dieser ersten Periode des Basler Humanismus war die Lehrtätigkeit von Sebastian Brant (1458-1521). 1475 hatte Brant sich an der Universität immatrikuliert; von 1483 an dozierte er. Obwohl er hauptamtlich an der Juristischen Fakultät tätig war, wirkte er zeitweilig wahrscheinlich als Lehrer der Poesie.

Aber man pflegte nicht nur die lateinische Sprache und Literatur, sondern wandte sich auch dem Studium des Griechischen zu. Schon während des Konzils (1431-1449) hatten sich in Basel Gelehrte, die sich um die Kenntnis des Griechischen bemühten, versammelt. Giovanni Aurispa (1370-1459) war Dolmetscher einer griechischen Gesandtschaft. Der Dominikaner Johannes Stoikovic' von Ragusa wurde vom Konzil zu Verhandlungen mit den Griechen nach Konstantinopel entsandt (1435-1437) und kehrte mit einer grossen Zahl von griechischen Handschriften zurück. Bei seinem Tode (1443) hinterliess er dem Basler Dominikanerkloster über 60 griechische Codices, die heute den Grossteil der 90 Nummern umfassenden Sammlung von griechischen Handschriften in der Universitätsbibliothek Basel ausmachen.

1474 immatrikulierte sich Johannes Reuchlin (1455 - 1522), der sich in Paris bei griechischen Emigranten die Grundkenntnisse des Griechischen angeeignet hatte, in Basel. Hier konnte er seine Studien bei Andronikos Kontoblakas, einem ins Abendland geflohenen Griechen, vervollständigen; 1477 erwarb er den Basler Magistertitel. Der Griechischunterricht, den er erteilt haben soll, war allerdings nur privat.

In dieser ersten Periode, die etwa 1499 mit dem Weggang Sebastian Brants nach Strassburg endete, stand der Basler Humanismus nicht im Gegensatz zu Kirche und Scholastik, sondern verfolgte die gleichen Ziele wie sie, nur mit anderen Mitteln. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lockerte sich diese Bindung, und das Studium der Alten rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Die Buchdruckkunst, die von den Basler Frühhumanisten nicht nur gepriesen, sondern auch tatkräftig gefördert worden war, lockte weitere Talente nach Basel. 1505 kam Thomas Wyttenbach aus Biel als Tübinger Magister und hielt begeisternde Vorträge über philologische und theologische Themen. 1514 übersiedelte Heinrich Loriti aus Mollis, nach seinem Geburtsort Glareanus genannt, nach Basel. 1512 hatte ihn Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt. Er dozierte mit Unterbrechung bis 1529 an der Artistenfakultät. Von seinen Werken seien die 'Descriptio Helveticae' (1514) und seine musiktheoretische Arbeit 'Dodekachordon' (1547) erwähnt. Von seinen Zeitgenossen wurde er aber hauptsächlich wegen seiner lateinischen Dichtungen hochgeschätzt; Erasmus ehrte ihn und Thomas Morus mit der gleichen Formel: 'omnium horarum homo'.

Erasmus selber lebte — von kurzen Aufenthalten abgesehen — 1521 bis 1528 in Basel, wo er seinen Drucker Froben gefunden hatte. 1529 floh er vor der Reformation nach Freiburg im Breisgau. Erst 1535 kehrte er wieder nach Basel zurück, wo er ein Jahr später starb. Erasmus war nie Mitglied der Universität, bildete aber dennoch den Mittelpunkt des geistigen Lebens jener Epoche.

Ebenfalls ausserhalb der Universität wirkte Beatus Rhenanus (1485 - 1547), Erasmus' erster Biograph, der 1511-1527 in Basel lebte. In diesen Jahren veröffentlichte er die editio princeps der meisten Werke Tertullians (1521, weitere Auflagen 1528 und 1535) und die 'Germania' des Tacitus (1519). 1515 fand er zu einer Zeit, als die meisten antiken Texte schon entdeckt waren, im Elsässer Kloster Murbach eine Handschrift mit dem Geschichtswerk des Velleius Paterculus, das er 1520/1 bei Froben zum ersten Mal herausgab. Auf diese editio princeps sowie auf die Kollation von J. A. Burer und die Kopie, die sich Bonifacius Amerbach von einer Abschrift des Murbacher Codex hatte machen lassen (heute auf der Basler Universitätsbibliothek), muss sich die Textkonstitution heute nach dem Verlust der Murbacher Handschrift stützen.

Rhenanus war unter anderem deshalb nach Basel gekommen, weil er vom Griechischunterricht, den Johannes Cuno (ca. 1463-1513) hier seit kurzem erteilte, gehört hatte. Cuno, ein Schüler Reuchlins in Heidelberg, hatte sich nach Wanderjahren in Italien zu Beginn des Jahres 1511 in Basel niedergelassen. Neben dem Griechischunterricht in privatem Kreis (an dem auch Bonifacius Amerbach zusammen mit seinen Brüdern teilnahm) bearbeitete er als Nachfolger Reuchlins für eine Hieronymus-Ausgabe beim Drucker Amerbach die griechischen Partien. Nach dem Tode Cunos und Amerbachs brachte sie schliesslich Froben mit Erasmus' Hilfe 1516 heraus.

Einen schweren Rückschlag erlebten die Universität und mit ihr zusammen die humanistischen Studien 1529 mit dem Sieg der Reformation in Basel. Mehrere hervorragende Gelehrte zogen es vor, der neuen Lehre zu weichen, so auch Erasmus und in seinem Schlepptau Glareanus.

Der Unterricht an der Universität wurde für drei Jahre eingestellt. Aber schon 1532 wurde die Universität in neuer Form wiedereröffnet. Treibende Kraft und Führer der Reorganisation war Bonifacius Amerbach. Als ihre wesentliche Aufgabe sah die erneuerte Universität nun "die Vermittlung einer mit dem Humanismus gesättigten christlich-reformierten Bildung" an, und das war die Leitidee, unter der sie bis zum Erlass des neuen Universitätsgesetzes im Jahre 1818 stand (E. Stähelin 11).

Die Artistenfakultät war wieder wie schon früher als propädeutische Fakultät den drei oberen Fakultäten untergeordnet. Von den anfänglich fünf Lehrstühlen waren je einer für das Griechische und für die Rhetorik bestimmt. Wenig später kam noch ein Lehrstuhl für Eloquenz dazu. Während in der Eloquenz mehr die Grammatik und der Wortschatz der lateinischen Sprache geübt wurden, lag in der Rhetorik das Hauptgewicht auf dem Stil.

Von den Professoren der ersten Zeit sei hier Simon Grynaeus (1493-1541) genannt, der von 1529 bis 1541 Griechisch unterrichtete. Unter seinen zahlreichen Editionen ragt vor allem die editio princeps der 'Megale Syntaxis' des Klaudios Ptolemaios (1538) heraus, die er zusammen mit Camerarius besorgte. 1539 erschien ein 'Lexicon Graecum'. Im Kloster Lorsch stöberte er die bis dahin unbekannten Bücher 41-45 von Livius auf. Gerade zum Rektor gewählt, starb Grynaeus 1541 an der Pest.

Sein Nachfolger wurde Johannes Oporinus (1507-1568), der gleichzeitig auch Lateinunterricht erteilte. Schon 1542 gab er aber sein Lehramt ab, um sich ganz seiner Druckerei widmen zu können.

In den zwei folgenden Jahrhunderten fiel das Niveau des akademischen Unterrichts rasch ab - nicht nur in den klassischen Fächern. Das hatte verschiedene Gründe: Der 30jährige Krieg hatte bei der exponierten Lage Basels seine negativen Auswirkungen auch auf die Universität. Im 17. Jahrhundert begann dann das, was man die 'Verbaslerung' der Universität genannt hat. Ausländer unter den Professoren wurden die Ausnahme. An der Universität wie in der Stadt herrschten immer dieselben Familien vor, wie etwa die Burckhardts, die Faeschs, die Wettsteins. (Rühmend sei hier aber Johann Jakob Wettstein [1693-1754] genannt, der, von Beruf Theologe, dennoch in der Geschichte der Philologie wegen seiner neutestamentlichen Textkritik einen Ehrenplatz einnimmt.) Man muss sich auch vergegenwärtigen, wie die Artistenfakultät damals organisiert war. Sie verfügte über neun Lehrstühle für Logik, Rhetorik, Eloquenz, Griechisch, Organum Aristotelicum (1658 durch Geschichte ersetzt), Physik, Mathematik, Ethik und Hebräisch. Ihre Aufgabe war es, die Studenten innerhalb von zwei Jahren auf das Studium an den oberen Fakultäten, der theologischen, der juristischen und der medizinischen, vorzubereiten. Dazu diente ein genau vorgeschriebener Stundenplan. Der Unterricht bewegte sich auf elementarem Niveau. Behandelt wurden im Griechischen beinahe ausschliesslich Homer und Neues Testament, im Rhetorik- und Eloquenz-Unterricht vor allem Cicero.

Wie es um die Kenntnis der klassischen Sprachen bestellt war, zeigt die Tatsache, dass 1758 erstmals zwei Promotionsreden nicht in lateinischer Sprache, sondern in Deutsch und Französisch gehalten wurden. Dass die Lehrstühle der Artistenfakultät meistens nur Durchgangsstationen waren, von denen aus man auf die höher dotierten Lehrstühle der anderen Fakultäten nachrückte, förderte die Qualität des Unterrichts nicht.

Auch die Verlosung der Lehrstühle, die eine Zeitlang praktiziert wurde, um den Einfluss der aristokratischen Familien zu brechen, wirkte sich schädlich aus. Als Beispiel sei dafür Lukas Legrand (1735 - 1798) angeführt. Durch die Tücken der Loswahl kam Legrand auf den Lehrstuhl für Logik. Von den Verhältnissen an der Universität tief enttäuscht, zog sich der Sonderling in sein Haus zurück, wo er auch seine Vorlesungen abhielt. Den Grossteil seiner Arbeitskraft verwandte er aber auf philologische Aufgaben. Seine Begabung lag vor allem auf dem Gebiet der Konjekturalkritik; Chr. G. Heyne schätzte den Eigenbrötler sehr und gab mit ihm zusammen den Parthenios heraus.

Aus den erwähnten Gründen befand sich die Universität am Anfang des 19. Jahrhunderts in einer ernsten Krise, die erst 1818 durch das neue Universitätsgesetz beendet wurde. Mit ihm wurden je ein Lehrstuhl für griechische und lateinische Sprache und Literatur geschaffen.

Als erste Inhaber wählten die Behörden den Basler Emanuel Linder (1768-1843) und Franz Dorotheus Gerlach (1793-1876) aus Wolfsbehringen im Herzogtum Gotha. Linder war von 1790 bis 1803 Professor der hebräischen Sprache, darauf Pfarrer in Bennwil gewesen. 1819 wurde er ordentlicher Professor für griechische Sprache und Literatur, ein Amt, das er bis 1843 versah. Über den liebenswürdigen Griechischprofessor urteilte Andreas Heusler I., das Wirken eines Heyne oder eines Wolf scheine unbeachtet an ihm vorübergegangen zu sein.

Gerlach erwarb sich in seiner langjährigen Lehrtätigkeit in Basel hohe Verdienste. Er besuchte das Gymnasium in Gotha, darauf die Universität in Göttingen, wo er 1815 promoviert wurde. 1817 wurde er an die Kantonsschule in Aarau als Lehrer der griechischen Sprache berufen, wo Friedrich Kortüm (siehe unten Kap. II) sein Kollege war. Ab 1819 unterrichtete er am Pädagogium in Basel (siehe unten Kap. VII). Von 1820 bis zu seiner Emeritierung 1875 las er als ordentlicher Professor über lateinische Sprache und Literatur, zwischenzeitlich auch Geschichte. In der Zeit von 1829 bis 1866 bekleidete er das Amt des Bibliothekars der Universitätsbibliothek, für die er schon 1830 ein neues Reglement entwarf. Der Universität diente er 1827, 1837, 1847, 1848 und 1863 als Rektor. 1833 wurde Gerlach Basler Bürger, 1834 Mitglied des Erziehungsrates. Bei der Neuordnung der Gymnasialverhältnisse setzte er sich mit Erfolg für die Hebung des Unterrichts in den alten Sprachen ein. Seine entscheidende Leistung aber war die Mitbegründung des philologisch-pädagogischen Seminars 1861 (siehe unten). In seiner reichen, über 50jährigen Lehrtätigkeit war ihm ein massives, manchmal zur Derbheit neigendes Auftreten eigen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten behandeln vorwiegend die römische Geschichte. Zusammen mit Johann Jakob Bachofen (1815-1887), der sich, selbst für kurze Zeit akademischer Lehrer für römisches Recht, mit seinen Forschungen zum Mutterrecht trotz seiner nicht allseits als wissenschaftlich anerkannten Methode einen bleibenden Namen geschaffen hatte, verfasste Gerlach eine 'Geschichte der Römer', die 1851 in zunächst zwei Bänden erschien. Wie auch seine zahlreichen anderen Publikationen folgt die 'Geschichte der Römer' eher der begeistert humanistischen und romantischen als der historisch-kritischen Methode. Die seit 1854 erscheinende, scharfsinnig-quellenkritische 'Römische Geschichte' von Theodor Mommsen stellte sie daher rasch ins wissenschaftliche Abseits.

II. Die Gründung des Seminars und die folgenden Jahre

Die Fäden, die zur Gründung der deutschschweizerischen Philologischen Seminare führen — ihre Gründungen fallen in einen Zeitraum von vier Jahren (Zürich 1857 prov., 1861 def.; Bern 1859; Basel 1861) —, weisen auf die Entwicklungen in Deutschland zurück. Etwa 100 Jahre vor den schweizerischen Seminargründungen war Johann Matthias Gesner gestorben, der 1738 in Göttingen das Seminarium philologicum, das Vorbild für alle späteren Gründungen, eingerichtet hatte. Friedrich August Wolf leitete mit der Gründung des Philologischen Seminars in Halle 1787 eine neue Phase der Beschäftigung mit der Antike ein. Er kann das Verdienst in Anspruch nehmen, die Klassische Philologie von einer Hilfswissenschaft für Theologie und Jurisprudenz nicht nur zu einer selbständigen, sondern zur für die allgemeine Bildung damals bedeutendsten Wissenschaft erhoben zu haben. Sein Seminar hatte zum Ziel, gelehrte Schulmänner heranzubilden, jedoch weniger im praktischen Sinn als in der gelehrt-wissenschaftlichen Schulung, wodurch die Erkenntnisse weitergetragen und -geführt werden sollten. Nach seinem Muster wurden an allen preussischen Universitäten ähnliche Anstalten gegründet. Auf diesem Hintergrund ist wohl auch der erste Vorschlag zur Einrichtung eines 'Philologisch-pädagogischen Seminars' in Basel vom 6. März 1822 durch den Historiker Friedrich Kortüm (1788-1858) zu verstehen. Kortüm war an den Universitäten von Halle, Göttingen und Heidelberg (1806-1808) auch philologisch ausgebildet worden. Sein Vorschlag wurde jedoch verworfen.

Die Gründung des Philologisch-pädagogischen Seminars wurde knapp vier Dezennien später Tatsache. Am 11. Mai 1861 unterzeichneten die Professoren Vischer, Ribbeck und Gerlach den in Gerlachs Handschrift erhaltenen Entwurf der ersten Seminarordnung. Die genauen Vorgänge, die zur Gründung führten, liegen im dunkeln. Massgebliche Beteiligung scheint jedoch Vischer und seinem Nachfolger Ribbeck zuzukommen, der schon in Bern das Philologische Seminar gegründet hatte. Vischer, der in Berlin noch den Wolf-Schüler Boeckh gehört hatte, sah sich aufgrund seiner vielfältigen öffentlichen Tätigkeit veranlasst, 1861 einen Teil seines Lehramtes abzugeben. Es ist wahrscheinlich, dass Ribbeck, für dessen Kommen sich Vischer stark eingesetzt hatte, den Anstoss zur Einrichtung des Seminars gegeben hatte und dass Vischer den Plan mit seiner Autorität bei den Behörden durchsetzte. Der Seminarbetrieb wurde im Wintersemester 1861/62 erstmals aufgenommen. Ziel des neugegründeten Seminars war es gemäss den Bedürfnissen der Zeit, jungen Studierenden der Philologie Gelegenheit zu selbständiger Arbeit zu geben und die Beschäftigung mit der Klassischen Philologie möglichst dem späteren Wirkungskreis im theoretischen und praktischen Schulleben anzupassen. Diese Bestimmung hat das Seminar in mehr oder weniger starker Intensität bis heute beibehalten. Auch wenn die Ausbildung zum Lehrer durch die Gründung eines spezifisch pädagogischen Seminars 1873 eine Gewichtsverschiebung zur Folge hatte, durfte sie angesichts der Tatsache, dass die meisten Philologie-Studenten später in die Schulpraxis eintraten, nicht vernachlässigt werden.

Es ziemt sich, im folgenden den beiden Mitbegründern des Seminars, Vischer und Ribbeck, einige Worte zu widmen (zu Gerlach siehe Kap. I).

Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808–1874) wurde in Basel als Kind einer Familie von Handels- und Ratsherren geboren. Von ihr hatte er wohl seinen Sinn für politische und ökonomische Fragen mitbekommen. Die Schulbildung genoss er in der Erziehungsanstalt Fellenberg in Hofwyl, wo er auch Friedrich Kortüm zum Lehrer hatte. Seine akademischen Lehrer waren Niebuhr und Welcker in Bonn, Boeckh in Berlin, der ihm neben der Anregung zur Epigraphik vor allem die damals neue Auffassung der Klassischen Philologie mitgab, dass sie auf die geschichtliche Erkenntnis der gesamten Tätigkeit, des gesamten Lebens und Wirkens eines Volkes in einem bestimmten Zeitabschnitt ziele. 1832 wurde Vischer Privatdozent und Lehrer am Pädagogium, 1835 ausserordentlicher und ein Jahr später ordentlicher Professor für griechische Sprache und Literatur (aber erst seit 1843 mit Bezahlung). Seine tatkräftige Teilnahme am öffentlichen Leben - Vischer gehörte schon seit 1834 dem Grossen Rat an - nahm ihn zunehmend in Anspruch, so dass er sich 1861 von seiner akademischen Lehrtätigkeit entlasten liess und sie 1868 infolge seiner Wahl in die Regierung gänzlich aufgab. Hierauf führte er das Präsidium des Erziehungskollegiums und der Kuratel, wodurch er stets intensiv mit der Universität verbunden blieb, ja, er war durch seine Umsicht und Sachkenntnis während vieler Jahre ihr guter Geist. Besonders am Herzen lagen ihm jeweils die Professoren-Berufungen. Ein weiterer wichtiger Bereich von Vischers Wirken liegt in Basels Sammlungen und Institutionen, wozu es nur der Stichwörter Skulpturhalle, die 1987 ihr 100-jähriges Jubiläum begehen konnte, Münzkabinett, Historische und Antiquarische Gesellschaft bedarf. Von seinen Veröffentlichungen sind die 'Erinnerungen und Eindrücke aus Griechenland' (Basel 1857) die wichtigste.

Johann Carl Otto Ribbecks (1827–1898) Wirken in Basel war kurz, aber, wie oben beschrieben, von entscheidender Bedeutung für das Basler Philologische Seminar. Schon eineinhalb Jahre nach seiner Berufung verliess er Basel wieder, wofür nicht zuletzt die Überlastung durch die Lehrtätigkeit an Universität und Pädagogium ein Grund war. Er war Schüler von Friedrich Ritschl, der damals zu den einflussreichsten philologischen Universitätslehrern zählte. Ritschls Schule zeichnete sich durch grosse Nüchternheit und Wissenschaftlichkeit aus. Ganz in ihrem Sinne verfasste Ribbeck seine Ausgabe Juvenals (1865), mit der er sich schon früh einen wissenschaftlichen Namen geschaffen hatte. In Basel dozierte er vorwiegend und mit Kompetenz griechische Sprache und Literatur. 1862 wandte er sich nach Kiel, 1872 nach Heidelberg und 1877 nach Leipzig, wo schon sein Lehrer Ritschl bis zu seinem Tode 1876 gelehrt hatte.

Auf den Rat von Ritschl, an den sich Vischer gewandt hatte, erhielt 1863 sein junger Schüler Adolf Kiessling (1837-1893), seit 1858 Doktor der Philosophie in Bonn, den Ruf für den nach Ribbecks Wegzug vakanten Lehrstuhl der griechischen Sprache und Literatur. Trotz der Doppelbelastung durch Universität und Pädagogium gab Kiessling Basel den Vorzug vor Bern, weil er sich vom Basler genius loci grössere Förderung seiner wissenschaftlichen Entwicklung versprach. 1869 verliess er Basel wieder und ging nach Hamburg an das Johanneum, 1871 nach Breslau und 1872 nach Greifswald.

Sein Nachfolger wurde wiederum ein Schüler Ritschls, Friedrich Nietzsche (1844–1900) – eine der berühmtesten Besetzungen der Basler Griechisch-Professur. Es ist hier nicht der Platz, Nietzsches Basler Jahre genau zu durchleuchten; dazu sei verwiesen auf u. a. Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche in Basel, Basler Stadtbuch 1970, 53-68, und auf Johannes Stroux, Nietzsches Professur in Basel, Jena 1925. Die groben Linien seien kurz umrissen: Die Berufung eines erst Fünfundzwanzigjährigen auf den Basler Lehrstuhl für griechische Sprache und Literatur erregte einiges Aufsehen, zumal sie zu einem Zeitpunkt erfolgte, als Nietzsche noch nicht einmal promoviert war. Sie basierte auf zwei Grundlagen: auf persönlichen Empfehlungen anerkannter Autoritäten und Vertrauenspersonen und auf den publizierten philologischen Arbeiten des Kandidaten. Die treibende Kraft war Wilhelm Vischer als Präsident der Kuratel und des Erziehungskollegiums, der sich wieder an Ritschl in Leipzig gewandt hatte, nicht zuletzt, um eine Alternative gegen einen unliebsamen einheimischen Anwärter zu erhalten. Ritschl antwortete mit einem überschwenglichen Empfehlungsschreiben für Nietzsche. Sein Urteil bestätigte das Zeugnis eines in Leipzig studierenden Baslers. Ausserordentlich früh konnte Nietzsche im Rheinischen Museum publizieren. Seine ersten Arbeiten behandelten Diogenes Laertios, für dessen Werk zu jener Zeit noch wenig geleistet war. Entsprechend grosse Anerkennung riefen die Publikationen hervor. So gewann Nietzsche das Vertrauen und Wohlwollen Vischers, an dem Vischer auch später, in den schwierigeren Zeiten, festhielt; ein weiteres Zeichen für die ausserordentliche Weitsicht dieses Mannes. Vischer setzte in kurzer Zeit die Berufung bei den Behörden durch, so dass Nietzsche schon am 19. April 1869 zum Amtsantritt nach Basel kommen konnte, nachdem ihm die Universität Leipzig am 23. März den Grad eines Doktors ohne mündliche Prüfung verliehen hatte. Nietzsche zeigte sich willens, in Basel sesshaft zu werden, was er durch die Annahme des angebotenen schweizerischen Bürgerrechts bewies. Er nahm die neue Aufgabe mit grossem Eifer in Angriff und las in den ersten Semestern ein ungewöhnlich reichhaltiges Programm. Im Sommersemester 1870 zum Beispiel hielt er zwei dreistündige Vorlesungen und ein Seminar an der Universität, acht Stunden Griechisch und vier Stunden Lateinisch am Pädagogium. Gerade dort hatte er einen schönen Lehrerfolg. Schon nach einem Jahr wurde er zum ordentlichen Professor befördert, und bald folgten Gehaltserhöhungen. 1870 fühlte sich Nietzsche verpflichtet, sich dem deutschen Heer als Krankenpfleger zur Verfügung zu stellen. Dieser Aufgabe war sein überempfindliches Wesen keineswegs gewachsen. Nach wenigen Tagen schon kehrte er aufgrund einer als Ruhr und Rachendiphtherie diagnostizierten Erkrankung zurück. In der folgenden Zeit drängte es ihn immer stärker, seiner eigentlichen Berufung, der Philosophie, zu folgen; Janz spricht geradezu von einer Existenzspaltung zwischen Beruf und Berufung, die ihn innerlich und körperlich zerrieb (Janz 64). Dies wird auch aus dem Bewerbungsschreiben für den freigewordenen Lehrstuhl der Philosophie vom Januar 1871 deutlich (Janz 64). Doch seine Bemühungen waren vergeblich. Seine philosophische Neigung trat in seinem Werk 'Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik' (1872) deutlich zutage. Das Erscheinen dieses Buches führte auch zum grundsätzlichen Bruch mit den führenden Köpfen der philologischen Wissenschaft. Doch dies konnte das Vertrauen der Basler in ihren Professor nicht erschüttern; 1874 ernannten sie ihn für zwei Jahre zum Dekan der Fakultät.

Die folgenden Jahre verbringt Nietzsche in ausharrender Treue zu seiner Aufgabe und seinem Amt im vollen Bewusstsein der verzehrenden Wirkungen des Zwanges, den er sich antut (vgl. Janz 67). Anhaltende, hartnäckige Krankheiten, die häufige Kuraufenthalte notwendig machten, zwangen ihn, 1876 den Unterricht am Pädagogium aufzugeben. Der erste Zusammenbruch befreite ihn dann auch von den Lehrverpflichtungen an der Universität; seinem Gesuch um Entlassung vom 2. Mai 1879 wurde mit aufrichtigem Bedauern entsprochen. Noch nicht 35jährig, wurde er nach nur zehnjähriger Lehrtätigkeit mit zwei Dritteln seines Gehalts in den Ruhestand versetzt. Dies war ein beachtlicher Betrag, der ihm die ökonomische Sicherstellung schenkte, um seine philosophischen Werke ausformen zu können. Damit hat die Universität Basel einen nicht geringen Anteil an einem der wichtigsten Kapitel der europäischen Geistesgeschichte.

In die Zeit von Nietzsches Lehrtätigkeit in Basel fiel die Emeritierung Gerlachs 1875. Sein Nachfolger wurde der Basler Jakob Achilles Mähly (1828-1902). Mähly hatte schon seit längerer Zeit am Pädagogium unterrichtet und war seit 1853 Privatdozent, seit 1864 ausserordentlicher Professor an der Universität. Anfangs noch mit 15 Stunden am Pädagogium beladen, wurden ihm bald einige Stunden abgenommen. Aufgrund seiner etwas zur Flüchtigkeit neigenden Arbeitsweise wurde er nicht von allen Fachgenossen als vollwertiger Gelehrter anerkannt. Er beschäftigte sich mit den Humanisten des 16. Jahrhunderts und verfertigte Übersetzungen antiker Texte. Seine Studien fasste er in einer zweibändigen 'Geschichte der antiken Literatur' (1880) zusammen. 1890 erzwang ein Halsleiden seinen Rücktritt.

Am Schluss dieses Abschnittes hat der Basler Philologe und Sprachwissenschaftler zu stehen, der dadurch, dass er auch aus der Fremde sich stets der Geschichte des Seminars annahm, während der folgenden wechselvollen Jahre eigentlicher Garant für die Kontinuität war. Als Lehrer der 'Basler Philologen' (siehe Kap. IV) stellt er gleichsam die Brücke zur folgenden eher ruhigen Epoche dar: Jacob Wackernagel (1853–1938) wurde 1879 zum ausserordentlichen Professor, 1881 zum Ordinarius für griechische Sprache und Literatur unter Beifügung des Sanskrit ernannt, nachdem er schon 1876 kurz nach seiner Basler Promotion die Venia docendi für Sanskrit und Klassische Philologie erhalten hatte. 1902 folgte er einem Ruf als Professor der Sprachwissenschaft, der seine eigentliche Neigung galt, an die Universität Göttingen.

III. Die Periode des Wechsels

Den Titel dieses Abschnittes mag ein kurzer statistischer Überschlag rechtfertigen. In den 42 Jahren zwischen 1890 und 1932 hatten nicht weniger als 15 Professoren (Von der Mühll nicht eingeschlossen) die Basler philologischen Lehrstühle inne, während es in den seither vergangenen 55 Jahren nur gerade deren 6 sind. Basel nahm während dieser vier Dezennien eine besondere Stellung in der deutschsprachigen philologischen Wissenschaft ein, die Jacob Wackernagel gesamtschweizerisch verallgemeinernd treffend so charakterisiert hat: "Es ist ein Ruhmestitel und zugleich ein praktischer Vorzug der schweizerischen Universitäten, dass sie junge frische Kräfte heranziehen" (Brief von Wackernagel, Göttingen, 21. Feb. 1914, StAB EA CC 15). Vor allem zwei Umstände waren dafür verantwortlich: Zum ersten hatte Basel nicht die Mittel, bereits arrivierte Philologen aus Deutschland an seine Universität zu holen; zweitens war es äusserst schwierig, Schweizer Gelehrte für die akademische Tätigkeit zu gewinnen. Wackernagel sah den Grund dafür darin, dass die Scheu vor dem Risiko einer Habilitation und überhaupt vor dem akademischen Unterricht die Schweizer dazu veranlasste, Rufe an Universitäten auszuschlagen. Zwei Beispiele: Nach dem Rücktritt von Mähly 1890 bot man Achilles Burckhardt-von Salis dessen Nachfolge an. Er fühlte sich aber weniger zur Forschung als zum Unterricht begabt und zog die Lehrtätigkeit an der Schule vor. Nach dem Wegzug von Körte 1906 trat man an den in Bern lehrenden Rektor Georg Finsler heran, der sich auch wissenschaftlich schon einen Namen gemacht hatte. Aber Finsler war nicht dazu zu bewegen, sein Lebenswerk, das bernische Literargymnasium, aufzugeben. Er war der Überzeugung, dass ein allzu stark von der Schule absorbierter Gymnasiallehrer sich selten zu einem guten Professor entwickle. Gezwungenermassen wurde so das Basler Philologische Seminar zu einer Art Sprungbrett junger begabter deutscher Philologen für ihre akademische Karriere. Exemplarisch sei die Berufung von Werner Jaeger angeführt. Für die Wiederbesetzung der durch den Weggang von Rudolf Herzog vakant gewordenen Professur für griechische Sprache und Literatur wandte sich die Berufungskommission an Wackernagel in Göttingen. Dieser empfahl an erster Stelle Werner Jaeger, seit kurzem Dozent in Berlin. Er bezeichnete ihn als die grösste Hoffnung der Klassischen Philologie Deutschlands, als den Mann, der einmal die Stellung von Wilamowitz einnehmen werde. Jaeger war mit glanzvollen, epochemachenden Arbeiten über Aristoteles an die Öffentlichkeit getreten. Weitere wärmste Empfehlungen trafen von Wilamowitz aus Berlin und Eduard Schwartz aus Freiburg i. Br. ein. Jaeger leistete dem Ruf nach Basel mit Freude Folge, verliess die Rheinstadt aber schon nach drei Semestern wieder, um nach kurzer Zeit den bedeutendsten Lehrstuhl Deutschlands in Berlin einzunehmen. Besonders nachteilig wirkten sich diese Wechsel auf die Doktoranden aus, die auf Kontinuität angewiesen waren.

Um der besseren Übersicht willen bietet es sich an, die Dozenten getrennt nach ihren Lehrstühlen zu behandeln.

1890 wurde der 31jährige Ferdinand Dümmler (1859–1896) aus Halle a. d. S. Nachfolger von Mähly als Professor für Klassische Philologie. Dümmler wurde 1882 in Bonn promoviert, habilitierte sich 1886 in Giessen und wurde dort 1889 ausserordentlicher Professor. Er musste sich dort mit Wackernagel die griechische und lateinische Disziplin teilen und sich besonders der Archäologie, der Alten Geschichte und der Epigraphik widmen. Dazu eignete er sich bestens als hervorragender Kenner nicht nur der Philologie, sondern auch der antiken Philosophie, Religionsgeschichte und Archäologie. Dümmlers Tätigkeit in Basel zeichnete sich durch grosses Bemühen und reges Interesse am Seminar aus. Noch nicht 38jährig starb er 1896.

Nach Dümmler wurde Erich Bethe (1863–1940), ausserordentlicher Professor in Rostock, zum Ordinarius für Klassische Philologie gewählt. In seine Amtszeit fiel der erste Vorstoss für öffentliche Vorlesungen, wofür er bereitwillig einen Entwurf verfasste. Schon 1903 verliess er Basel in Richtung Giessen.

Die Nachfolge trat der Berliner Alfred Körte (1866–1946) an. Er war 1890 in Bonn promoviert worden, wo er von 1895 an dozierte. Seit 1899 wirkte er als ausserordentlicher Professor in Greifswald. Auch er siedelte 1906 nach Giessen über.

Nachdem Georg Finsler den Ruf nach Basel ausgeschlagen hatte (siehe oben), verpflichtete man Hermann Schöne (1870-1941) aus Halle a. d. S. als Ordinarius. Nach der Promotion 1893 in Bonn und einer Dozentur ab 1898 in Berlin war er seit 1903 als ausserordentlicher Professor in Königsberg tätig gewesen. 1909 zog er weiter nach Greifswald und von dort nach Münster. Friedrich Münzer (1868-1942) aus Oppeln in Oberschlesien war nach der Promotion 1891 in Berlin seit 1896 in Basel Dozent der Klassischen Philologie, besonders der lateinischen Philologie. 1902 wurde er ausserordentlicher und im gleichen Jahr ordentlicher Professor. 1909 übertrug ihm die Kuratel den gesetzlichen Lehrstuhl für lateinische Sprache und Literatur. Aber auch ihn zog es schon 1912 weg nach Königsberg. Sein Nachfolger wurde Ernst Lommatzsch (1871-1949) aus Erlebach (Sachsen-Meiningen), bis dahin Generaldirektor des von den vereinigten Akademien herausgegebenen Thesaurus Linguae Latinae. 1913 musste man ihn nach Greifswald ziehen lassen. Von 1913-1914 hatte Walter F. Otto (1874-1958), zuvor ausserordentlicher Professor 1910 in München und 1911 in Wien, den Lehrstuhl für Lateinische Philologie inne. Er zog darauf nach Frankfurt. Im Elsässer Johannes Stroux (1886-1954), Gymnasiallehrer in Hagenau und Privatdozent in Strassburg, fand man einen geeigneten Nachfolger. Zunächst ausserordentlicher Professor, wurde er 1917 zum Ordinarius befördert. Er blieb acht Jahre in Basel, während deren er seine Pflicht als Lehrer mustergültig erfüllte und auch die Forschung mit eigenen Arbeiten bereicherte. In seinem Demissionsschreiben 1922 - er zog nach Kiel - gab er seiner Verbundenheit zu Basel, das durch die Stetigkeit, mit der er unter dem ruhigen und sachlichen Verständnis der Behörden arbeiten konnte, Wesentliches zu seiner wissenschaftlichen Entwicklung beigetragen hatte, voller Dankbarkeit Ausdruck. Mit dem Ostpreussen Günther Jachmann (1887-1979) wurde ein Schüler von Friedrich Leo, dem damals führenden Latinisten, verpflichtet. Im Vordergrund seiner Forschungen stand in der Fortsetzung seines Lehrers die altrömische Dichtung, deren Sprache, Metrum und literarische Form. Jachmann wanderte 1925 nach Köln ab. Kurt Latte (1891-1964) trat seine Nachfolge an. Nach seinem Wegzug nach Göttingen 1931 übernahm der Freiburger Ordinarius Eduard Fraenkel (1888-1970) stellvertretend die Abhaltung der Hauptvorlesungen, bis in Harald Fuchs (1900-1985) ein neuer Ordinarius gefunden wurde.

Ungleich kürzer gestaltet sich die Reihe der gräzistischen Ordinarien: 1902 wurde Ferdinand Sommer (1875-1962), vorher Privatdozent in Leipzig, zum ordentlichen Professor mit einem Lehrauftrag für Klassische Philologie, Sprachwissenschaft und Sanskrit berufen. Mit ihm sollte also Wackernagels Wirken in der Sprachwissenschaft und im Sanskrit weitergeführt werden. 1909 zog er nach Rostock weiter. Danach hielt man wieder nach einem spezifisch philologischen Gräzisten Ausschau, der in der Person des hervorragenden Epigraphikers Rudolf Herzog (1871-1953) auch gefunden wurde. Der 37jährige Herzog war Extraordinarius in Tübingen gewesen und wurde in Basel Ordinarius für griechische Sprache und Literatur. 1914 folgte er einem Ruf nach Giessen. Sein Nachfolger war, wie oben erwähnt, für die drei Semester 1914/15 Werner Jaeger (1888-1961). Jacob Wackernagel, schon vor Jaegers Wegzug als Ordinarius für Sprachwissenschaft und Klassische Philologie in seine Heimatstadt zurückgekehrt, erklärte sich bereit, die Griechisch-Professur bis zu ihrer Wiederbesetzung durch Peter Von der Mühll (1885-1970) 1917 zu vertreten.

IV. 'Basler Philologie'

Zu einer Epoche in der Geschichte der Klassischen Philologie in Basel darf man wohl die Ordinariate von Peter Von der Mühll, Harald Fuchs, Karl Meuli, Bernhard Wyss, Felix Heinimann und Josef Delz zusammenfassen. Die Bezeichnung 'Basler Philologie' für eine einzige bestimmte Epoche der Philologie in Basel mag etwas anmassend erscheinen, doch hat sich dieser Begriff im Laufe der Jahre eingebürgert, und Generationen von Studierenden und Lehrenden verstanden darunter die Art, wie P. Von der Mühll und seine Kollegen und Schüler Philologie auffassten und betrieben.

Von der vorangegangenen Periode der rasch wechselnden Lehrstuhlinhaber hebt sich diese durch eine stärkere Kontinuität ab. Von der Mühll unterrichtete über 50 Jahre an der Universität Basel, Fuchs 38 Jahre, ihre Nachfolger ebenfalls längere Zeit. Abgesehen von H. Fuchs waren alle — auch dies im Gegensatz zur vorigen Periode — Schweizer.

Der Begründer dieser Basler Schule war Peter Von der Mühll (über die Rolle Wackernagels siehe Kap. II); ausser H. Fuchs hatten alle oben Genannten bei ihm studiert. Seine Wirkung strahlte auf die ganze Schweiz aus: mehrere seiner Schüler übernahmen andernorts in der Eidgenossenschaft Ordinariate. In Zürich wirkte gleichzeitig mit ihm sein Altersgenosse und Freund Ernst Howald (1887-1967). Nicht zuletzt aus der friedlichen Konkurrenz dieser beiden so verschieden gearteten Kollegen und ihrer unterschiedlichen Art, Philologie zu treiben, entstand der Begriff der 'Basler Philologie' — als Abgrenzung gegen eine 'Zürcher Philologie'.

Die 'Basler Philologie' lässt sich weniger durch ihre Methode als durch ihre Geisteshaltung bestimmen. Methodisch orientierte sie sich an der umfassenden deutschen Altertumswissenschaft — Von der Mühll, Fuchs und Wyss hatten alle noch Wilamowitz gehört —, nahm aber auch Impulse des dritten Humanismus auf. Angestrebt wurde, wie es H. Fuchs und B. Wyss 1960 anlässlich der 500-Jahr-Feier der Basler Universität formulierten, die Klassische Philologie "vor den fragwürdigen Auswüchsen eines allzu selbstsicheren Positivismus zu bewahren, ebensosehr aber auch vor einer Auflösung der Altertumswissenschaft in blutlose 'Geistesgeschichte'". Als einen wichtigen Teil ihrer Aufgabe, wenn nicht als den wichtigsten, sahen diese Männer die Lehrtätigkeit an, die sie mit beispielhafter Hingabe ausübten. Vor allem die Ausbildung von kompetenten Lehrern war ihnen ein Anliegen. Diese starke Betonung der Lehre erklärt, warum die meisten ein umfangmässig eher kleines wissenschaftliches Werk vorzuweisen haben. Alle waren auch von einem hohen Pflichtgefühl dem Gemeinwesen gegenüber durchdrungen, dem sie in vielfältiger Form dienten, hierin dem Vorbilde Wilhelm Vischers folgend.

Peter Von der Mühll (1885–1970) war Basler von Geburt. 1904 immatrikulierte er sich an der hiesigen Universität, wo er bei Alfred Körte und Ferdinand Sommer studierte. Nach zwei Semestern wechselte er an die Universität Göttingen. Dort hörte er neben dem Basler Jacob Wackernagel Friedrich Leo und Eduard Schwartz, unter dessen Leitung er 1909 seine Doktorarbeit 'De Aristotelis Ethicorum Eudemiorum auctoritate' verfasste. Ein Berliner Semester bei Wilamowitz schloss sich an. 1909/10 kollationierte Von der Mühll in Rom und Florenz Handschriften des Diogenes Laertios. Die ungedruckte Zürcher Habilitationsschrift von 1913 handelte denn auch über 'Die älteste Überlieferung des Diogenes Laertios'. Nachdem er mehrere Jahre an Zürcher Gymnasien unterrichtet hatte, wurde er 1917 nach Basel auf den Lehrstuhl für Griechische Philologie berufen, den er zunächst als Extraordinarius, seit 1918 dann als Ordinarius vertrat. Dieses Amt versah er bis 1952. Im Jahre 1924 war er Dekan, 1942 Rektor der Universität. Nach seiner Emeritierung (1952) führte er seine Lehrtätigkeit bis 1970 weiter; in einstündigen Vorlesungen behandelte er ihm wichtige Gegenstände wie Ilias und Odyssee, Pindar und Diogenes Laertios.
Die geplante Ausgabe des Diogenes Laertios hat er leider nie vollendet. Die wertvollsten Teile, die 'Epicuri Epistulae Tres et Ratae Sententiae' erschienen jedoch 1922 zusammen mit dem 'Gnomologium Epicureum Vaticanum' bei Teubner. Seine Handbibliothek zu Diogenes Laertios und seine Kollationen befinden sich heute auf dem Seminar für Klassische Philologie in Basel; mehrere Gelehrte haben sie schon für verschiedene Editionen benützt.
Weitere Arbeiten galten Homer: 1940 erschien der grosse Odyssee-Artikel in der Realenzyklopädie und 1952 das aus Vorlesungen herausgewachsene 'Kritische Hypomnema zur Ilias', in dem er in Form einer 'Durchbesprechung' des Gedichts nicht mehr ganz zeitgemäss den analytischen Standpunkt mit einem Höchstmass an Gründlichkeit und Argumentationskraft vertrat. Seine erstmals 1946 in den 'Editiones Helveticae' erschienene Odysseeausgabe dagegen hat sich mit ihrem durchdachten kritischen Apparat durchgesetzt. 1984 nahm der Teubner-Verlag sie in sein Programm auf. Ein anderer Schwerpunkt seiner Studien war Pindar, ein Dichter, der ihn menschlich sehr ansprach. Seine 'Kleinen Schriften' wurden 1976 von seinem Nachfolger Bernhard Wyss herausgegeben.
Was Peter Von der Mühll seinen Schülern bedeutete, davon zeugen vier ihm gewidmete Festschriften, von denen wenigstens die 'Crustula Basiliensia', die 'Basler Leckerli', genannt werden sollen, die im Epochenjahr 1965, als Von der Mühll den 80., H. Fuchs den 65. und B. Wyss seinen 60. Geburtstag feierte, den Jubilaren dargebracht wurden.
 In vielen Ämtern und Kommissionen diente er der Universität und der Wissenschaft. In den zwanziger Jahren half Von der Mühll den 'Gnomon' gründen, und 1944 regte er die Schaffung der Zeitschrift 'Museum Helveticum' an.

Harald Fuchs (1900–1985) hatte in Hamburg, Kiel und Berlin Klassische Philologie und Archäologie studiert. Entscheidende Anregungen empfing er von Werner Jaeger, seinem späteren Amtsvorgänger in Basel, dem er 1921 von Kiel nach Berlin folgte. In seiner Dissertation befasste er sich mit 'Augustin und dem antiken Friedensgedanken', 1928 habilitierte er sich in Berlin mit einer Vorarbeit zur Edition von Augustins Frühwerk 'De ordine', und ein Jahr später wurde er nach Königsberg berufen. Auf das Wintersemester1931 kam er als Nachfolger Lattes nach Basel, und hier hat er bis 1970 38 Jahre lang den Lehrstuhl für Lateinische Philologie innegehabt.
Ausser seiner Dissertation veröffentlichte H. Fuchs keine grösseren Arbeiten, dafür aber unzählige kürzere 'Gelegenheitsarbeiten', wie er sie nannte. Seine 1933 gehaltene Basler Antrittsvorlesung 'Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt' gestaltete er mit einem reichen Anmerkungsteil zu einem kleinen Buch aus (1938). 1947 veröffentlichte er im Museum Helveticum einen Vortrag mit dem Titel 'Rückschau und Ausblick im Arbeitsbereich der lateinischen Philologie', einen Literaturbericht, der für viele Gelehrte - besonders im deutschsprachigen Raum - nach dem Krieg von grossem Wert war. So wie er in seiner Doktorarbeit die Idee des Friedens untersucht hatte, ging er für die Artikel 'Bildung', 'Enkyklios Paideia' und 'Enzyklopädie' im Reallexikon für Antike und Christentum diesen Begriffen im Verlaufe des Altertums nach. Mit seinen Ausgaben von Caesars 'Bellum Gallicum' (1944) und der 'Annalen' des Tacitus (1946. 1949) in der Reihe der 'Editiones Helveticae' schuf er Texte, an denen, obwohl sie für die Schule bestimmt waren, kein Editor vorbeigehen konnte und kann. In ihnen wie in vielen anderen kleineren Arbeiten stellte er mit sicherem Gespür die Schäden fest, die im Laufe der Überlieferung entstanden waren. Seine Hauptleistung aber steckte nach seinen eigenen Worten in den Werken seiner Schüler, um die er sich aufopfernd kümmerte. Gewissenhaft und zurückhaltend diente er auch der Universität in zahlreichen Ämtern.

Karl Meuli (1891–1968) promovierte 1920 mit einer Arbeit über 'Odyssee und Argonautika'. Von 1919 bis 1957 wirkte er als Lehrer am Humanistischen Gymnasium in Basel, ein Amt, das er, wie vor ihm etwa Jakob Burckhardt und andere Gelehrte, auch nach seiner Habilitation (1926) und der Ernennung zum ausserordentlichen (1933) und ordentlichen Professor (1942) nicht aufgegeben hat.
Wie schon in seiner Erstlingsschrift griff Meuli immer wieder über die Fachgrenzen der Klassischen Philologie, der er sich zugehörig fühlte, hinaus. Besonders die Verbindung von Volkskunde und Klassischer Philologie kennzeichnet sein Werk; sein Lehrauftrag lautete denn auch auf 'Klassische Altertumswissenschaft mit Berücksichtigung der antiken Volkskunde'. Als übergeordnetes Ziel seiner Werke könnte man das Verständnis des menschlichen Wesens nennen. Hinter konkreten Sitten und Bräuchen suchte er durch Rückführung einen einfachen, durch die menschliche Natur erklärbaren Kern herauszuarbeiten. Ethnologische Parallelen dienten zur Illustration. Zentrales Thema waren ihm dabei der Totenglaube und die Totenrituale. Eine Ahnung von der Spannweite seines Werkes können vielleicht die Titel geben, mit denen die einzelnen Abteilungen seiner 'Kleinen Schriften' (hrsg. von Th. Gelzer, Basel 1975) überschrieben sind: Zum Maskenwesen - Zu den Trauersitten - Zu Rechtsbräuchen - Zur Volkskunde - Zur Literatur- und Kulturgeschichte - Zur Religionsgeschichte. Nicht vergessen werden darf auch die kritische Ausgabe von J. J. Bachofens Gesammelten Werken, von der er acht Bände betreute. Jahrelang widmete er ihr einen grossen Teil seiner Kraft und Zeit. Kernstück ist die Ausgabe des 'Mutterrechts' (1948), der er ein grosses Nachwort über Bachofen beigab. Zum Schluss soll noch eine kleine Schrift, die aus der Arbeit an der Schule herausgewachsen ist, erwähnt werden, die Ansprache 'Über die Höflichkeit', die er 1953 am Humanistischen Gymnasium Basel gehalten hat.

Eng mit dem Humanistischen Gymnasium war auch Bernhard Wyss (1905–1986) verbunden. Er hatte in Zürich, Basel und Berlin Klassische Philologie, Islamwissenschaft und Deutsche Philologie studiert. Wie sein verehrter Lehrer Von der Mühll hörte er in Berlin noch Wilamowitz und in Basel Jacob Wackernagel. 1929 promovierte er bei P. Von der Mühll mit 'Antimachi Colophonii Reliquiae', der bis heute massgeblichen Ausgabe dieses Dichters (Nachdruck 1974). Am Humanistischen Gymnasium, wo er danach als Lehrer wirkte, wurde er, gerade 27jährig, 1933 zum Rektor gewählt. 1943 schloss er seine Habilitationsschrift über 'Die Einflüsse der klassischen und nachklassischen hellenischen Dichtung auf Gregor von Nazianz' ab. 1945 trat er dann die Nachfolge Felix Staehelins auf dem Lehrstuhl für Alte Geschichte an. Als 1952 mit dem Rücktritt Von der Mühlls der Lehrstuhl für Gräzistik frei wurde, bewarb er sich erfolgreich um dieses Amt, das seinen Neigungen besser entsprach. Auch nach seiner Emeritierung 1976 las er noch bis zu seinem Tode im Jahre 1986 jedes Semester zwei Stunden; bevorzugte Gegenstände waren Odyssee, Pindar, das Geistesleben der Spätantike und die Geschichte der Klassischen Philologie, die er in knappen, einprägsamen Einzeldarstellungen lebendig zu machen wusste. Den Basler Handschriften widmete er mehrmals eine Übung. 1950 amtierte er als Dekan, 1967 bekleidete er das Rektorat.
Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschritt er immer Neuland. Gregor von Nazianz, dem neben der Habilitationsschrift mehrere Einzelbeiträge galten - darunter der knappe, aber inhaltsreiche Artikel im Reallexikon für Antike und Christentum -, war ihm besonders lieb. Arbeiten über Basler Handschriften erhellten die Geschichte des griechischen Humanismus in unserer Region. Nach dem Krieg, als in den Schulen dringend Lesetexte benötigt wurden, besorgte er für die 'Editiones Helveticae' Ausgaben von Horaz (1947) und von Sophokles' 'Oedipus Rex' (1946) und 'Antigone' (1949), die bis heute in Gebrauch sind. Für eine Aufführung anlässlich des Universitätsjubiläums übersetzte er 1960 den damals gerade entdeckten 'Dyskolos' (siehe unten Kap. VII).
Als Herausgeber betreute er beinahe 40 Jahre lang die 1945 gegründete Reihe 'Schweizerische Beiträge zur Altertumswissenschaft', in der er 1975 P. Von der Mühlls 'Ausgewählte kleine Schriften' vorlegte. Als Präsident des Ausschusses für die Prüfung von Mittel- und Oberlehramtskandidaten (1938-68) und der Eidgenössischen Maturitätskommission (1957-72) leistete er dem kantonalen und dem eidgenössischen Bildungswesen unschätzbare Dienste. Mit grossem Einsatz kämpfte er auch für die Stellung des Lateins an den Schulen und an der Universität. In vielen weiteren Ämtern - zivilen und militärischen - diente er mit seiner ganzen Kraft der res publica, wie er es für seine Pflicht ansah.

Felix Heinimann (1915–2006) studierte in Basel und Königsberg Griechische, Lateinische und Deutsche Philologie. 1943 promovierte er bei P. Von der Mühll mit 'Nomos und Physis. Herkunft und Bedeutung einer Antithese im griechischen Denken des 5. Jahrhunderts'. Diese Arbeit erschien 1945 als erster Band in der neu gegründeten Reihe 'Schweizerische Beiträge zur Altertumswissenschaft' und erlebte seither mehrere Neuauflagen (zuletzt 1987 bei der Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt). Während der folgenden Jahre war er als Lehrer an verschiedenen Schulen tätig: in Basel, Aarau, Solothurn, Biel und schliesslich wieder in Basel am Humanistischen Gymnasium. Die ungedruckte Habilitationsschrift von 1951 handelte über 'Die Pseudoxenophontische Lakedaimonion Politeia'. 1961 wurde er zum ausserordentlichen Professor mit Lehrauftrag für 'Klassische Philologie mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften der Antike' ernannt und 1966 zum Ordinarius befördert. 1980 trat er in den Ruhestand.
Neben den schon erwähnten Arbeiten muss an die mustergültige Edition der 'Adagia' des Erasmus erinnert werden. Drei Bände hat Heinimann zusammen mit Emanuel Kienzle im Rahmen der neuen Amsterdamer Gesamtausgabe der Werke des Erasmus bis heute herausgegeben.
Seit 1963 war F. Heinimann Mitherausgeber des 'Museum Helveticum', das er mit grosser und allseits geschätzter Sorgfalt redigierte.

Josef Delz (1922–2005) wurde 1970 als Nachfolger von H. Fuchs an unsere Universität berufen und lehrte hier 17 Jahre lang bis zum Wintersemester 1986/7. In Basel hatte er 1942-1947 Griechische, Lateinische und Deutsche Philologie und Vergleichende Sprachwissenschaft studiert. 1947 schloss er sein Studium mit einer Dissertation über 'Lukians Kenntnis der athenischen Antiquitäten' ab, die unter der Leitung P. Von der Mühlls entstand. Entscheidende Anstösse empfing er von Eduard Fraenkel und Rudolf Pfeiffer, bei denen er als junger Doktor die nächsten zwei Jahre in Oxford studierte. 1950-1952 arbeitete er am Thesaurus Linguae Latinae in München, dem er heute noch als Mitglied der Internationalen und Präsident der Schweizerischen Thesaurus-Kommission verbunden ist. Neben seiner Unterrichtstätigkeit am Humanistischen Gymnasium Basel arbeitete er in den folgenden Jahren an seiner Habilitationsschrift über 'Die Überlieferung des Silius Italicus', die 1966 abgeschlossen wurde. 1968 wurde er an die Freie Universität Berlin berufen, die er aber schon zwei Jahre später wieder verliess, um in Basel die Latein-Professur zu übernehmen.
Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit stand die Überlieferungsgeschichte und die Textkritik. Über 30 Jahre lang hat er an einer neuen Ausgabe des Silius Italicus gearbeitet, die 1987 bei Teubner (Stuttgart) erschienen ist. Ebenfalls bei Teubner kam 1983 eine von ihm besorgte Edition des 'Agricola' heraus. In zahlreichen Aufsätzen stellte er zum Teil schlagende Verbesserungsvorschläge zu verdächtigen Stellen in den Werken vor allem der lateinischen Dichter zur Diskussion und vermehrte unsere Kenntnisse des Humanismus im 15. Jahrhundert.

Mit dem Amtsantritt von Joachim Latacz (Wintersemester 1981/2, Gräzistik) und von Fritz Graf (Sommersemester 1987, Latinistik) ging die Periode der Von der Mühll-Schüler an der Universität Basel zu Ende.

Seit 2002 vertreten Anton F.H. Bierl und Henriette Harich-Schwarzbauer die beiden ordentlichen Lehrstühle am Seminar für Klassische Philologie.

V. Indogermanistik und Alte Geschichte

Mit den Mitteln der Stiftung des Ehepaars Vischer-Heussler für ein drittes Ordinariat wählte die Regierung 1874 auf Vorschlag der Stiftungskommission den Solothurner Franz Misteli (1841-1903) zum ausserordentlichen, 1877 zum ordentlichen Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft. Misteli war von 1864-1874 Lehrer an den Kantonsschulen in St. Gallen und Solothurn gewesen. Infolge Erkrankung musste er 1898 seine langjährige Lehrtätigkeit aufgeben.

Der Unterricht in der Sprachwissenschaft wurde in der Folge von den an der Universität vorhandenen Kräften versehen. Jacob Wackernagel las ja schon seit 1876 als Privatdozent, später als Ordinarius über Sanskrit, und von 1902 bis 1909 lehrte Ferdinand Sommer die Indogermanistik.

Da die Vergleichende Sprachwissenschaft als Prüfungsfach fester Bestandteil der Examensordnung bleiben sollte, wurde sie nicht nur einem Privatdozenten, sondern in der Person von Max Niedermann (1874-1954) 1909 einem ausserordentlichen Professor und nach dessen Beförderung 1911 einem Ordinarius anvertraut. Niedermann wurde 1897 in Basel promoviert und lehrte schon 1899 als Dozent für Vergleichende Sprachwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung des Lateinischen; von 1900 bis 1903 unterrichtete er am Gymnasium in La-Chaux-de-Fonds, 1903 wurde er Privatdozent, 1905 ausserordentlicher Professor in Neuenburg, 1909 ausserordentlicher, 1911 ordentlicher Professor in Basel. Während seiner 16jährigen Lehrtätigkeit in Basel führte Niedermann eine grosse Zahl junger Philologen zum Doktorat. 1925 kehrte er nach Neuenburg zurück.

Jacob Wackernagel führte die Vergleichende Sprachwissenschaft weiter. 1853 als Sohn des Germanisten Wilhelm Wackernagel geboren, durchlief er mit Leichtigkeit die Basler Schulen, in denen er den Unterricht von Mähly, Nietzsche und Gerlach genoss. 1871 begann er das Studium der Klassischen Philologie in Basel, wechselte aber schon 1872 nach Göttingen über. Es folgten Studien in Leipzig (1874/75) bei Brockhaus, Curtius, Ritschl und Zarncke und 1875 in Oxford unter anderen bei Max Müller. Im selben Jahr wurde er in Basel promoviert. Schon 1876 erhielt er eine Privatdozentur für griechische Sprache und Literatur und für Sanskrit. Während sechs Jahren unterrichtete er am Pädagogium. 1879 wurde er Nachfolger Nietzsches als Extraordinarius, 1881 als Ordinarius mit einem zusätzlichen Lehrauftrag für Sanskrit. 1890 war er Rektor der Universität. 1901 schlug er einen Ruf nach Berlin aus. Ein Jahr später liess er sich jedoch nach Göttingen ziehen, um sich ganz seinem Fach widmen zu können, der Vergleichenden Sprachwissenschaft. In Göttingen bildete er mit Friedrich Leo, Eduard Schwartz, Eduard Schröder und Carl F. Andreas einen blühenden Mittelpunkt philologischer und sprachwissenschaftlicher Forschungen. Wie sehr seine Tätigkeit geschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass er Korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie wurde und den Geheimratstitel erhielt. 1912/13 bekleidete er das Amt des Prorektors, d. h. des obersten Vertreters des formell als Rektor geltenden Prinzregenten von Braunschweig. Die Wirren des Krieges bewogen ihn, 1915 nach Basel zurückzukehren, wo er sogleich die Lehrtätigkeit wiederaufnahm (siehe oben Kap. III). 1918/1919 war er wieder Rektor. 1926 übernahm er die volle Vertretung der Vergleichenden Sprachwissenschaft von seinem Schüler Niedermann. 1936, kurz nach seinem 60jährigen Dozentenjubiläum, trat Wackernagel zurück. Von seinen Werken kann hier nur weniges erwähnt werden: 1896 erschien der erste Band seiner 'Altindischen Grammatik', 1905 folgte der zweite Band und 1930 der dritte Band (unter der Mitarbeit von A. Debrunner). 1916 publizierte er seine 'Sprachlichen Untersuchungen zu Homer'. Seine 'Vorlesungen über Syntax' - über Syntax war vorher in Basel noch kaum gelesen worden - erschienen 1920 und 1924.
In der Vergleichenden Sprachwissenschaft hat er eine entscheidene Wende bewirkt, indem er sie enger mit der Philologie verband und sie so mit geschichtlichem Geist durchdrang.
Erwähnt sei schliesslich seine Fürsorge für die Universitätsbibliothek. Von 1876 bis 1879 bekleidete er das Amt eines Bibliothekssekretärs, 1886 wurde er in die Aufsichtskommission der Universitätsbibliothek gewählt, und als Präsident der Bibliothekskommission übernahm er 1923 für kurze Zeit das Amt des Oberbibliothekars.

Nach Wackernagels Rücktritt erweiterte man als Zwischenlösung den Lehrauftrag von Johannes Lohmann, Privatdozent in Freiburg i. Br., auf das Gebiet des Altindischen. 1940 wurde Albert Debrunner (1884-1958), ordentlicher Professor in Bern, zum Vertreter der Basler Vergleichenden Sprachwissenschaft gewählt. Debrunner, ein Schüler Wackernagels, arbeitete am dritten Band von dessen 'Altindischer Grammatik' mit und verfasste selbst den vierten Band (1954). Nach der Demission Debrunners 1949 ging der Lehrauftrag für Vergleichende Sprachwissenschaft auf Alfred Bloch (1915-1983) über. Bloch hatte sich 1942 habilitiert. 1950 wurde er ausserordentlicher Professor, 1951 Vorsteher des Indogermanistischen Seminars und 1953 persönlicher Ordinarius. Mit seinem Rücktritt 1982 wurde der Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft auf Beschluss der Behörden aufgehoben. Seit seiner Habilitation 1966 ist Rudolf Werner Privatdozent für Indogermanistik und Altkleinasiatische Sprachwissenschaft [inzwischen aus Altersgründen zurückgetreten]. Seit 1984 — zunächst mit einem Gastlehrauftrag von Regensburg aus, seit 1987 als Basler Privatdozent mit sechsstündigem Lehrauftrag — war der Rix-Schüler Heiner Eichner für die Sprachwissenschaft zuständig [inzwischen als Nachfolger von Manfred Mayrhofer Ordinarius in Wien].

Für die Geschichte des Altertums wurde 1937 ein selbständiger Lehrstuhl geschaffen. Vorher war sie bald von Philologen, bald von Archäologen, bald von eigentlichen Althistorikern betreut worden. Den neuen Lehrstuhl übernahm der Basler Felix Staehelin (1873-1952). Nach Studien der Klassischen Philologie und der Alten Geschichte in Basel, Bonn und Berlin wurde Staehelin 1897 in Basel promoviert. Es folgten Unterrichtstätigkeiten in Winterthur und seit 1905 am Gymnasium in Basel. 1907 habilitierte er sich an der Universität, wo er zunächst als Privatdozent, seit 1917 als Extraordinarius Alte Geschichte las. Erst 1931 gelangte er zum Ordinariat. Seine Arbeitskraft stellte er willig zahlreichen schweizerischen und baslerischen wissenschaftlichen Institutionen zur Verfügung. Als sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk ist die 'Schweiz in römischer Zeit' (1. Aufl. 1927, 3. Aufl. 1948) zu betrachten.

Staehelins Nachfolger wurde 1945 Bernhard Wyss. Nach dessen Wechsel auf den Lehrstuhl für Griechische Philologie 1952 wählten die Behörden den Ungarn Andreas Alföldi (1895-1981) zum Ordinarius für Alte Geschichte. Er ging 1956 nach Harvard. Denis van Berchem, vorher ausserordentlicher Professor in Lausanne und Genf, trat an seine Stelle. Ihm folgte 1966 Christian Meier, der 1968 einen Ruf nach Köln annahm, aber schon 1973 wieder nach Basel zurückkehrte, um 1976 endgültig wegzugehen (München). Seit 1978 vertritt Jürgen von Ungern-Sternberg die Alte Geschichte als ordentlicher Professor.

Mit der Gründung des Lehrstuhls für Alte Geschichte 1937 fiel auch die Verselbständigung des Seminars für Alte Geschichte zusammen. Die Althistoriker trennten sich - auch räumlich - von den Historikern und verbanden sich mit dem Philologischen Seminar, mit dem zusammen auch eine gemeinsame Bibliothek aufgebaut wurde. Erst im Jahre 1982 trennte sich das Seminar für Alte Geschichte aus Platzgründen vom Philologischen Seminar und bezog eigene Räume am Heuberg.

VI. Der Seminarbetrieb

In der ersten Zeit des Basler Philologischen Seminars umfasste das Lehrangebot Vorlesungen und Seminarübungen. Sie wurden ausschliesslich in lateinischer Sprache abgehalten. 1891 führte ein grösserer Zustrom junger Übungsteilnehmer zu dem Übelstand, dass die älteren Teilnehmer kaum mehr zu Worte kamen. Die Neueingetretenen erwiesen sich zudem als zu wenig gerüstet für die Übungsanforderungen. Um dieses Problem zu lösen, richteten die Professoren Dümmler und Wackernagel ein Proseminar ein, in dem leichtere Stücke aus Schriftstellern beider Sprachen behandelt wurden. Ausserdem wirkten besondere Stilübungen auf die Fertigkeit im lateinischen Ausdruck hin. Die Sprache war dabei Deutsch. Bedingung für den Eintritt ins Seminar war die Einreichung einer wissenschaftlichen Arbeit in lateinischer Sprache.

Dieses Veranstaltungsgerüst bewährt sich bis heute. Der Umstand, dass die Kenntnisse, die die Studienanfänger von der Schule mitbrachten, den Anforderungen an der Universität nicht mehr genügten, führte 1967 zur Einrichtung eines Lateinischen Mittelseminars und 1971 zur Einführung von eigenen Stilübungen. Kursorische Lektüre-Übungen, Sprach- und Metrik-Übungen sowie Kolloquien ergänzen seitdem das Lehrangebot.

Wann auch im Seminar die Sprache ins Deutsche wechselte, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Anzunehmen ist ein fliessender Übergang um die Jahrhundertwende. In späteren Jahren bildeten lateinisch abgehaltene Sitzungen die Ausnahme. Auch die Dissertationen wurden erst seit Anfang dieses Jahrhunderts deutsch geschrieben. Thematisch bedingt kamen lateinische Dissertationen auch später noch vor. So verfasste Bernhard Wyss seine Doktorarbeit - 'Antimachi Colophonii Reliquiae'- 1929 in lateinischer Sprache. Die letzte lateinische Dissertation schrieb 1941 Lajos Nyikos ('Athenaeus quo consilio quibusque usus subsidiis dipnosophistarum libros composuerit').

Untergebracht war das Seminar anfangs im alten Kollegiengebäude am Rheinsprung, wo ein Raum zur Verfügung stand. 1900 zog es in die 1896 eingeweihte Universitätsbibliothek, wo es erstmals ein Zimmer besass, und 1917 an den Stapfelberg 9 um. Im einzigen dort zur Verfügung stehenden Raum arbeiteten vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu 20 Studenten, da die wirtschaftliche Lage die Anschaffung von eigenen Büchern, die das Arbeiten zu Hause ermöglicht hätte, stark einschränkte. Diese Platznot fand 1937 ein Ende, als das Seminar an der Augustinergasse 19 ein neues Zuhause mit mehreren Räumen fand. Im Zuge der Verlegung des Universitätszentrums vom Münsterberg auf den Petersplatz erfolgte 1968 der Umzug in das Schöne Haus am Nadelberg 6. 2012 erfolgte mit der Auflösung des Seminars für Klassische Philologie der Umzug an den Rosshof (Petersgraben 51).

VII. Seminar und Öffentlichkeit

Eine kleine Stadtuniversität wie die baslerische kann nur überleben, wenn sie von der Bevölkerung getragen wird. Darum muss es ihr ein Anliegen sein, der Öffentlichkeit zu zeigen, was sie leistet. Ein eher 'kleines' Fach wie die Klassische Philologie muss sich in dieser Hinsicht speziell anstrengen, konnte freilich in Basel auch meist auf eine wohlwollende Öffentlichkeit zählen. An einigen Beispielen soll hier das Wirken des Seminars ausserhalb seiner Mauern gezeigt werden.

Im 19. Jahrhundert war die Universität durch die Einrichtung des Pädagogiums fest in der Stadt verankert. Als Pädagogium wurde die höhere Mittelschule, die von 1817 bis 1880 als Bindeglied zwischen der Universität und dem sechsjährigen Gymnasium diente, bezeichnet [in Deutschland z. Z. die 'Kollegstufe' des Gymnasiums]. Es war im Zug der Universitätsreform gegründet worden und hatte zum Ziel, die männliche Jugend auf den Unterricht an der Universität vorzubereiten. Das Pädagogium übernahm so die Aufgabe der ehemaligen Artistenfakultät. Organisatorisch war es mit der Universität eng verbunden. Bis 1866 wurde der Unterricht in demselben Gebäude abgehalten, in dem sich auch die Universität befand. Schüler und Studenten fühlten sich als éine Körperschaft; einen eigenen Rektor besass die Anstalt lange Zeit nicht. Der Unterricht hiess 'Collegium', der Stundenplan 'Lektionskatalog' und das Klassenzimmer 'Hörsaal'. Die Professoren der Philosophischen Fakultät waren verpflichtet, von ihren 12 bis 14 Stunden im Durchschnitt zwei Drittel am Pädagogium zu erteilen. So unterrichteten dort Männer wie Gerlach, Vischer und Nietzsche. Die negativen Seiten dieser Einrichtung sollen aber auch nicht verschwiegen werden. Die Doppelbelastung machte manchen Dozenten Mühe; bekanntestes Beispiel dafür ist Friedrich Nietzsche. Viele Gelehrte liessen sich aus diesem Grunde schon gar nicht nach Basel berufen oder verliessen die Universität nach kurzer Zeit wieder.

Den Kontakt mit der ganzen Bevölkerung suchte die Universität in den letzten 150 Jahren mit Hilfe von öffentlichen Vorträgen und Kursen herzustellen. Während sich die 'Akademischen Vorträge' eher an die gebildeten Schichten wandten, versuchten die 'Populären Vorräge' im Bernoullianum ein weiteres Publikum zu erreichen. 1979 wurden beide, die Akademischen wie die Bernoullianums-Vorträge, fallengelassen. An ihre Stelle traten das Universitätsforum und die Seniorenuniversität. Von allen diesen Wirkungsmöglichkeiten machten und machen die Dozenten für Klassische Philologie regen Gebrauch.

Unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg wurde - auch unter dem Eindruck des grossen Generalstreiks - die Einführung von 'Arbeiterkursen' diskutiert. Die Universität ergriff rasch die Initiative zu einer solchen Lehrform; entscheidende Anregung dazu ist vom Latinisten Johannes Stroux ausgegangen. Schon 1902 hatte Erich Bethe auf Anregung von Regierungsrat David ein Gutachten über öffentliche Vorlesungen verfasst. An der Volkshochschule, die dann für solche Kurse gegründet wurde, engagierten sich die Klassischen Philologen weiterhin.

1936 führte eine Studentengruppe zu Ehren des Archäologen Ernst Pfuhl den zweiten Teil von Aristophanes' 'Fröschen' in der Originalsprache und in Masken auf. Die Idee dazu war von P. Von der Mühll und K. Meuli gekommen. Geprobt wurde im Seminar für Klassische Philologie, und Von der Mühll wirkte als Berater in Fragen der Sprache und der Metrik mit. Karl Gotthilf Kachler, ein Schüler Meulis am Humanistischen Gymnasium, später Schauspieler und Intendant, führte Regie. Die lobende Kritik ermunterte zu weiteren Aufführungen dieses Stücks. Das war der Anfang einer langen Reihe von Aufführungen antiker Dramen in Basel und Umgebung. 1938 kam zum ersten Mal ein Stück in der Theaterruine in Augst auf die Bühne. Um den 2000. Geburtstag des Augustus zu feiern, studierte man den 'Amphitruo' und das 'Carmen saeculare' ein. H. Fuchs half dabei - vor allem bei metrischen Problemen. Am Spielplatz Augst mit seiner wundervollen Atmosphäre wurde festgehalten. Ein 1950 gegründeter 'Verein für Freilichtspiele im römischen Theater zu Augst' sorgte dafür, dass es zu weiteren Produktionen kam. Nachdem in den ersten Einstudierungen die Hauptrollen von Studenten besetzt worden waren, vertraute man sie später immer mehr professionellen Schauspielern an. Die Verbindung zum Seminar für Klassische Philologie blieb aber weiterhin erhalten. Die Professoren standen immer wieder als Experten zur Verfügung und schrieben die Einleitungen für die Programmhefte. Enger wurde der Kontakt 1960, als man im Rahmen der 500-Jahr-Feier der Universität den neu entdeckten 'Dyskolos' in einer Übersetzung von Bernhard Wyss spielte. Auch an den vorläufig letzten Aufführungen, Aristophanes' 'Vögeln' von 1983 [und Aristophanes' 'Frieden' von 1989], hatte das Seminar in vielfältiger Weise Anteil. Seminarmitglieder arbeiteten Christoph Jungck bei seiner modernen Neuübersetzung zu, einige Studenten wirkten im Chor mit, und Joachim Latacz trug den Programmheft-Text sowie ein Übersetzungs-Nachwort bei.

Bibliographie

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Autoren: Ueli Dill und Martin Müller (1987).
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Lehrstuhlinhaber

GriechischLatein Drittes Ordinariat
1819-1843 Emanuel Linder 1820-1875 Franz Dorotheus Gerlach    
1836-1861 Wilhelm Vischer        
1861/62: Seminargründung
1861/62 Otto Ribbeck        
1862-1869 Adolf Kiessling        
1869-1879 Friedrich Nietzsche 1875-1890 Jacob Achilles Mähly 1874-1898 Franz Misteli
1879-1902 Jacob Wackernagel 1890-1896 Ferdinand Dümmler    
    1897-1903 Erich Bethe    
1902-1909 Ferdinand Sommer 1903-1906 Alfred Körte    
    1906-1909 Hermann Schöne    
1909-1914 Rudolf Herzog 1909-1912 Friedrich Münzer 1911-1925 Max Niedermann (Idg. Sem.)
    1912/13 Ernst Lommatzsch    
    1913/14 Walter F. Otto    
1914/15 Werner Jaeger 1914-1922 Johannes Stroux    
1915-1917 Jacob Wackernagel     1915-1936 Jacob Wackernagel (Idg. Sem.)
1917-1952 Peter Von der Mühll 1922-1925 Günther Jachmann    
    1925-1931 Kurt Latte 1940-1949 Albert Debrunner (Idg. Sem.)
1952-1976 Bernhard Wyss 1932-1970 Harald Fuchs 1942-1961 Karl Meuli
    1970-1987 Josef Delz 1966-1980 Felix Heinimann
1981-2002 Joachim Latacz 1987-1999 Fritz Graf    
    2000/01 Jerzy Styka    
2002-Anton Bierl 2002-
Henriette Harich-Schwarzbauer